
13. April 2026, 7:34 Uhr |
Lesezeit: 5 Minuten
Die zunächst unscheinbare Kleinstadt Görlitz im Osten Deutschlands überrascht mit ihrer Stadtgeschichte und dem heutigen Erscheinungsbild nicht nur immer mehr Touristen, sondern auch unsere TRAVELBOOK-Redakteurin Lena Braun. Was sie an einem langen Wochenende in der Stadt entdeckt hat, und warum sie einen Besuch wärmstens empfehlen kann, verrät sie hier.
Die östlichste Stadt Deutschlands blickt auf eine lange und spannende Geschichte zurück. Sie liegt direkt an der Grenze zu Polen und markiert den östlichen Rand des Landes. Streng genommen liegt der eigentliche Extrempunkt ein paar Kilometer weiter nördlich, doch Görlitz ist der deutlich markantere Ort. Damit gehört die Stadt auch zum sogenannten Zipfelbund, der zu einer besonderen Reise einlädt: einmal alle vier „Zipfelstädte“ Deutschlands besuchen.
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1. Eine Stadt, zwei Länder
Die Nähe zu Polen prägt den Ort schon lange. Dennoch änderte sich die Grenzführung immer wieder: Der polnische Teil, das heutige Zgorzelec, gehörte bis vor dem Zweiten Weltkrieg noch zu Görlitz. Erst 1945 wurde mit der Oder-Neiße-Linie der Fluss zur Grenze und teilte die Stadt in zwei Hälften. Grenzschließungen in DDR-Zeiten und spätere politische Wendungen sorgten schließlich für eine vorsichtige Annäherung. Seit 1988 als Europastadt bezeichnet, zeigt Görlitz-Zgorzelec, wie internationales Miteinander und gemeinsame Entwicklung funktionieren kann.

Blick auf die polnische Seite mit der Stadt Zgorzelec und Fußgängerbrücke Foto: picture alliance / imageBROKER | Sylvio Dittrich
Einst führten sieben Brücken über die Neiße, 1945 wurden sie alle abgerissen. Vielleicht kennen Sie das Lied „Über sieben Brücken musst du gehn“ von Karat, später auch von Peter Maffay. Darin wird die Trennung eines Liebespaares über die deutsch-polnische Grenze hinweg besungen; fast sinnbildlich für Görlitz. Heute können Fußgänger wieder die renovierte, 82 Meter lange Altstadtbrücke überqueren, während Autos weiter südlich eine große Stadtbrücke als Grenzübergang nutzen.
2. Hier kommt die Zeit her
„In Görlitz ticken die Uhren besonders genau“, teaserte uns der Stadtführer an. Was damit gemeint war, verstand ich aber erst später, als wir im Stadtpark auf einen Stein trafen, der wie eine Erdkugel mit kleiner Platte gestaltet ist. Er symbolisiert die nächste Görlitz-Besonderheit: Die Stadt liegt exakt auf dem 15. Längengrad – dem Bezugsmeridian der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ). Von hier stammt also die Zeit, die in weiten Teilen Europas als gesetzliche Normalzeit gilt, wie die Stadt Görlitz erklärt.
Fun Fact: Bei der Stadtführung erfuhren wir auch eine ziemlich ironische Anekdote zur „Zeit“ in Görlitz. Einer Sage nach versammelten sich einst unzufriedene Bürger nachts, um einen Rathaussturm zu planen. Erst nach Mitternacht konnten sie los, wenn die Gassen frei von Nachtwächtern waren. Doch sie wurden verraten: Die Turmuhr wurde um sieben Minuten vorgestellt. So machten sich alle Beteiligten bemerkbar und wurden überführt. Die Gasse erhielt den Namen „Verrätergasse“, die Verschwörer wurden hingerichtet – und die Uhr nie wieder korrigiert. Noch heute wundern sich Besucher, warum die Turmuhr „Mönch“ am Obermarkt sieben Minuten vor allen anderen zum Mittag schlägt.
3. Eine Altstadt aus vielen Jahrhunderten
Görlitz verdankt seine außergewöhnlich gut erhaltene Altstadt seiner Geschichte als wohlhabende Handels- und spätere Industriestadt. Schon im Mittelalter brachte die Lage an einer wichtigen Handelsroute Reichtum und prächtige Bauten hervor. Im 19. Jahrhundert folgte, als zeitweise reichste Stadt Deutschlands, eine zweite Blüte. Weil Görlitz im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört blieb, sind heute Gebäude aus vielen Epochen, von Gotik über Renaissance bis Gründerzeit, in seltener Dichte erhalten.
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Besonders beeindruckend ist die hoch über der Neiße thronende Pfarrkirche St. Peter und Paul. Ein gotischer Umbau der ehemaligen Burgkirche im Jahr 1423 vergrößerte sie um ein Vielfaches. Die neogotischen Türme aus hellerem Kunststein heben sich deutlich von der älteren Fassade des Kirchenschiffs ab. Der stetige Wandel des Wahrzeichens und damit auch der Stadt wird hier sichtbar. Ein weiteres Highlight ist die erhaltene Sonnenorgel aus dem 17. Jahrhundert, die noch heute regelmäßig erklingt.
Auch der Denkmalschutz ließ sich in Görlitz lange gut finanzieren: Seit 1995 ging jährlich genau eine Million D-Mark auf das Konto der Stadt ein, gespendet von einem anonymen Gönner. 2016 kam die letzte Zahlung, insgesamt flossen in 22 Jahren rund 11 Millionen Euro.

Warum sich Görlitz auch Görliwood nennt

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4. Hollywood Drehort
Als wir bei einer Sonderführung das Görlitzer Kaufhaus von innen besichtigen konnten, kam mir die Location sofort bekannt vor – obwohl ich noch nie dort gewesen war. Schnell wurde mir auch klar, warum: Hier wurden einige Szenen meines Lieblingsfilms „The Grand Budapest Hotel“ (Wes Anderson, 2014) gedreht.
Görlitz, in diesem Zusammenhang auch „Görliwood“ genannt, ist bekannt als Kulisse zahlreicher Hollywood-Filme. Die gut erhaltenen und damit historisch authentischen Gebäude überzeugen dabei sowohl Regisseure als auch das Publikum.
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5. Künstlich angelegter See
Wenn die Lausitzer Neiße als Gewässer nicht mehr ausreicht, lohnt sich ein Ausflug an den benachbarten Berzdorfer See. Mit dem Fahrrad erreicht man ihn entlang einer idyllischen Strecke zwischen Flüssen und Wiesen in etwa einer halben Stunde. Der See ist eine Besonderheit, weil er nicht natürlich entstand, sondern durch eine Flutung eines ehemaligen Braunkohletagebaus. Über zehn Jahre hat es gedauert, den See auf den jetzigen Wasserpegel zu bringen.
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Mich überraschten sowohl die Größe des Sees als auch der Wind, der mir um die Ohren pfiff. Kein Wunder also, dass hier unzählige Kite- und Windsurfer unterwegs sind. Baden war noch nicht möglich, lässt sich aber im Sommer am aufgeschütteten Sandstrand oder an der „Blauen Lagune“ wunderbar nachholen. Auf dem asphaltierten Weg, der ein großes Stück um den See führt, kann man neben dem Fahrrad auch Inliner oder Skateboard fahren.
Ref: https://www.travelbook.de/ziele/staedte/dinge-die-goerlitz-so-besonders-machen











